Über Barmherzigkeit und Zerbrechlichkeit
- Michaela Ratcliff

- 18. Aug. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Die Libelle mit gebrochenen Flügeln
Gestern, in einer stillen Ecke meines Gartens, begegnete ich einer Libelle. Ein prachtvolles Wesen — größer als die meisten, die ich je gesehen habe, gezeichnet in Streifen aus leuchtendem Grün und Schwarz, ihre Augen wie kleine Welten, die das Licht widerspiegeln
Doch ihre Flügel — zarte, kristallene Wunder, die sie einst mühelos über Teich und Felder getragen hatten — waren zerrissen. Auf der linken Seite hingen Fragmente wie zerbrochenes Glas. Sie konnte nicht mehr aufsteigen, nicht mehr in der Luft tanzen, so wie Libellen es sollen.
Und ich fand mich in einem ethischen Dilemma wieder. Greife ich ein, um ihr Leid schnell zu beenden — eine abrupte Gnade? Oder schenke ich ihr stattdessen den kleinen Trost, den ich geben kann — Schatten, Wasser, die Würde eines sanften Ruheplatzes — und lasse die Natur entscheiden, wann ihr letzter Moment kommt?

Wir sprechen oft von Stärke im Sinne des Aufsteigens, von Resilienz im Sinne des Wiederaufstehens. Doch als ich diese Libelle beobachtete, begann ich mich zu fragen: Liegt nicht auch Stärke in der Stille, darin, den eigenen Zustand anzunehmen? Liegt nicht auch Würde darin, einfach zu sein — gebrochen und doch schön, fragil und doch noch lebendig?

Vielleicht ist meine Rolle hier nicht, zu retten oder ein Ende zu beschleunigen, sondern einfach zu bezeugen. Still Zeugnis abzulegen für ein Leben, das Bedeutung hatte – selbst in seinen letzten Tagen. Und mich daran zu erinnern, dass Schönheit durch Gebrochenheit nicht kleiner wird — manchmal wird sie dadurch erst sichtbar.

In dieser Libelle sehe ich das Paradox allen Lebens: atemberaubend in seiner Brillanz — und doch unweigerlich verletzlich gegenüber Zeit und Zufall. Und in ihren fragilen Flügeln sehe ich meine eigenen Fragen gespiegelt — nach Barmherzigkeit, nach Kontrolle, und danach, was es bedeutet, zu begleiten statt zu reparieren.

Vielleicht ist der tiefste Akt von Liebe nicht immer, den Lauf eines anderen Lebens zu verändern, sondern an ihrer Seite zu bleiben, Raum zu halten für ihren Weg — selbst dann, wenn das Ziel außerhalb unserer Reichweite liegt.
Also sitze ich bei der Libelle, im gefleckten Schatten meines Gartens, und ich lasse sie mich lehren, was nur gebrochene Flügel lehren können: dass der Wert des Lebens nicht allein am Fliegen gemessen wird.



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